Testosteron beim Mann: SHBG, freies Testosteron, DHT & Estradiol verständlich erklärt
„Mein Testosteron ist doch im Normbereich" – diesen Satz höre ich in meiner Praxis in Lörrach häufig von Männern, die trotzdem unter Erschöpfung, Libidoverlust, Konzentrationsproblemen oder Muskelabbau leiden. Der Grund liegt oft darin, dass der Gesamttestosteronwert allein wenig aussagt: Entscheidend ist, wie viel davon tatsächlich frei und wirksam im Gewebe ankommt, wie das Hormon in DHT und Estradiol umgewandelt wird, und wie diese Werte im Verhältnis zueinanderstehen. In diesem Beitrag erkläre ich dir, warum SHBG und freies Testosteron oft aussagekräftiger sind als der Gesamtwert, was DHT bedeutet, und warum auch Männer auf ein ausgewogenes Estradiol angewiesen sind.
Testosteron beim Mann: mehr als nur ein Wert
Rund 95 Prozent des Testosterons werden in den Leydig-Zellen der Hoden gebildet, gesteuert durch LH aus der Hypophyse im Rahmen der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse. Testosteron beeinflusst Muskelmasse, Knochendichte, Libido, Stimmung, Energie, kognitive Funktion, die Bildung roter Blutkörperchen und die Fettverteilung – es ist damit weit mehr als nur ein „Sexualhormon".
SHBG und freies Testosteron: warum der Gesamtwert oft täuscht
Im Blut wird Testosteron zu einem großen Teil fest an SHBG gebunden transportiert, ein kleinerer Teil lockerer an Albumin, und nur etwa ein bis zwei Prozent zirkulieren völlig frei. Fest an SHBG gebundenes Testosteron steht dem Gewebe kaum zur Verfügung, während freies und locker albumingebundenes Testosteron – zusammen als „bioverfügbares Testosteron" bezeichnet – tatsächlich wirksam werden kann. Ist SHBG erhöht, etwa durch zunehmendes Alter, eine Schilddrüsenüberfunktion, Lebererkrankungen oder bestimmte Medikamente, sinkt das freie Testosteron, selbst wenn der Gesamtwert unauffällig bleibt. Ist SHBG dagegen niedrig, wie es häufig bei Übergewicht, Insulinresistenz oder einer Schilddrüsenunterfunktion vorkommt, kann der freie Anteil relativ höher ausfallen. Deshalb bestimme ich SHBG grundsätzlich gemeinsam mit dem Gesamttestosteron.
| Parameter | Hinweis |
|---|---|
| Gesamttestosteron | Sinkt physiologisch ab etwa dem 30. Lebensjahr langsam |
| SHBG | Steigt tendenziell mit dem Alter, senkt den freien Anteil |
| Freies/bioverfügbares Testosteron | Aussagekräftiger als der Gesamtwert allein |
| DHT | Potenter als Testosteron am Androgenrezeptor |
| Estradiol | Entsteht aus Testosteron über Aromatase, auch beim Mann wichtig |
Referenzbereiche variieren je nach Labor und Alter. Diese Tabelle ersetzt keine individuelle Diagnostik.
Schematische Darstellung (eigene Grafik): Nur ein kleiner Teil des Testosterons zirkuliert frei; im Gewebe wird Testosteron zusätzlich zu DHT und Estradiol umgewandelt.
DHT (Dihydrotestosteron): das potentere Hormon
Im Gewebe wandelt das Enzym 5-alpha-Reduktase Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) um, das am Androgenrezeptor deutlich stärker wirkt als Testosteron selbst. DHT ist zentral für Prostatawachstum, Körper- und Gesichtsbehaarung sowie Libido. Ein Übermaß an DHT wird sowohl mit anlagebedingtem Haarausfall als auch mit einer gutartigen Prostatavergrößerung in Verbindung gebracht.
Estradiol beim Mann: auch Männer brauchen Östrogen
Über das Enzym Aromatase, das besonders im Fettgewebe aktiv ist, wird ein Teil des Testosterons in Estradiol umgewandelt. Estradiol ist auch beim Mann wichtig für Knochendichte, Gefäßgesundheit, Libido und Gelenkfunktion. Zu niedrige Estradiolwerte, etwa bei sehr geringem Körperfettanteil, können sich als Gelenkschmerzen, Libidoverlust und Knochenabbau äußern, während zu hohe Werte, häufig durch eine erhöhte Aromatase-Aktivität bei Übergewicht bedingt, mit Brustgewebsbildung (Gynäkomastie), Wassereinlagerungen und einer zusätzlichen Absenkung des freien Testosterons durch negative Rückkopplung einhergehen können. Entscheidend ist daher immer das Verhältnis von Testosteron zu Estradiol, nicht der Estradiolwert allein.
Ursachen eines Testosteronmangels
Testosteron sinkt physiologisch langsam ab etwa dem 30. Lebensjahr – ein allmählicher Prozess, anders als der vergleichsweise abrupte Rückgang der Sexualhormone bei Frauen in den Wechseljahren. Übergewicht verstärkt diesen Rückgang zusätzlich, da mehr Fettgewebe eine höhere Aromatase-Aktivität bedeutet und damit mehr Testosteron in Estradiol umgewandelt wird. Auch chronischer Stress, Schlafmangel und übermäßiger Alkoholkonsum wirken sich negativ aus. Mehr zum Zusammenhang zwischen Stress und Steroidhormonen in meinem Beitrag Steroidhormon-Synthese: Der Bauplan der Hormone.
Diagnostik: Wie ich Testosteron beim Mann in meiner Praxis einordne
Ich bestimme grundsätzlich Gesamttestosteron gemeinsam mit SHBG, um das bioverfügbare beziehungsweise freie Testosteron einschätzen zu können, ergänzt um Estradiol und je nach Fragestellung DHT sowie LH und FSH zur Einordnung der übergeordneten Achse. Da Testosteron einem Tagesrhythmus mit höchsten Werten am Morgen unterliegt, empfehle ich die Blutabnahme möglichst vormittags. Mehr zu meinem Vorgehen auf Diagnostik in meiner Praxis.
Therapie: Testosteron ganzheitlich unterstützen
Je nach Befund setze ich auf eine Kombination aus Gewichtsreduktion zur Senkung der Aromatase-Aktivität, ausreichend Schlaf, Krafttraining, Stressregulation sowie gezielte Mikronährstoffe wie Zink und Vitamin D als wichtige Cofaktoren. Bei entsprechendem Befund kann auch eine begleitete Hormontherapie sinnvoll sein. Mehr auf Hormontherapie in meiner Praxis.
Häufige Fragen zu Testosteron beim Mann
- Warum kann ein „normaler" Testosteronwert trotzdem zu Mangelsymptomen führen?
- Wenn SHBG erhöht ist, bleibt trotz normalem Gesamtwert weniger freies, bioverfügbares Testosteron übrig, das tatsächlich im Gewebe wirken kann.
- Was ist der Unterschied zwischen Testosteron und DHT?
- DHT entsteht aus Testosteron über das Enzym 5-alpha-Reduktase und wirkt am Androgenrezeptor deutlich stärker, ist aber vor allem für Prostata, Behaarung und Libido relevant.
- Warum brauchen auch Männer Estradiol?
- Estradiol unterstützt auch beim Mann Knochendichte, Gefäßgesundheit und Libido. Sowohl zu niedrige als auch zu hohe Werte können Beschwerden verursachen.
- Was bedeutet ein erhöhtes SHBG?
- Es bindet Testosteron fester, wodurch weniger frei verfügbar bleibt, selbst wenn der Gesamttestosteronwert unauffällig ist.
- Wie hängen Übergewicht und Testosteronspiegel zusammen?
- Mehr Fettgewebe bedeutet mehr Aromatase-Aktivität, wodurch verstärkt Testosteron in Estradiol umgewandelt wird, was den Testosteronspiegel zusätzlich senken kann.
- Wann sollte Testosteron gemessen werden?
- Am besten morgens, da der Testosteronspiegel einem Tagesrhythmus mit den höchsten Werten in den frühen Morgenstunden unterliegt.
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