Philosophie im Alltag V: Die Rückkehr zum Wesentlichen
Die Rückkehr zum Wesentlichen: Plotins Weg nach Innen
Wann hast du das letzte Mal einfach nur dagesessen? Ohne Handy, ohne Musik, ohne irgendetwas zu tun? Nur du und die Stille. Für die meisten von uns liegt dieser Moment erschreckend weit zurück. Wir leben in einer Welt des permanenten Außen – Benachrichtigungen, Termine, Gespräche, Inhalte. Wir konsumieren, reagieren, funktionieren. Aber wann sind wir wirklich bei uns?
Jetzt zum Ende des Jahres ist vielleicht eine gute Zeit, innezuhalten, nach innen zu gehen, und in die Tiefe zu gehen.

Der griechische Philosoph Plotin (205-270 n. Chr.) lebte in einer erstaunlich ähnlichen Zeit. Das römische Reich war auf seinem Höhepunkt, Handel und Kommunikation florierten, Menschen waren beschäftigt mit Geschäften, Politik, gesellschaftlichem Aufstieg. Und mittendrin saß Plotin und fragte: Was, wenn all das nur die Oberfläche ist? Was, wenn das wahre Leben im Innen stattfindet?
Die Sehnsucht nach Tiefe
Plotin erzählte eine Geschichte, die seine ganze Philosophie zusammenfasst: Stell dir vor, du lebst seit Jahren im Ausland. Du hast dort ein Leben aufgebaut, Gewohnheiten entwickelt, dich eingelebt. Aber tief in dir lebt eine Sehnsucht nach Heimat. Nach dem Ort, wo du wirklich hingehörst. Eines Tages beschließt du: Ich kehre zurück.
Für Plotin ist unsere Seele genau in dieser Situation. Sie hat ihr wahres Zuhause verlassen – das Innere, das Wesentliche, das Stille – und sich im Außen verloren. In den tausend Dingen, die uns beschäftigen, den Rollen, die wir spielen, den Identitäten, die wir konstruieren. Und irgendwann meldet sich diese Sehnsucht: Da muss doch mehr sein. Da muss es etwas Tieferes geben.
Diese Sehnsucht ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist der Kompass, der uns nach Hause führt.
Was Plotin unter "dem Einen" verstand
Plotin sprach vom "Einen" – dem Ursprung, der Quelle, dem Wesentlichen. Das klingt erst mal abstrakt oder religiös, aber: Das Eine ist das, was übrig bleibt, wenn du alles Oberflächliche abziehst.
Nicht deine Rolle als Mutter, Vater, Angestellter. Nicht deine Meinungen und Überzeugungen. Nicht deine Ängste und Hoffnungen. Sondern das, was darunter liegt. Das reine Bewusstsein. Das stille Sein.
Plotin war überzeugt: Dieses Wesentliche in dir ist nicht getrennt vom Wesentlichen des Universums. Du bist kein isoliertes Ich, das zufällig existiert. Du bist Teil eines größeren Ganzen, und wenn du tief genug in dich hineingehst, findest du nicht nur dich selbst – du findest alles.
Klingt esoterisch? Vielleicht. Aber überleg mal: Kennst du diese Momente, in denen du völlig präsent bist? Ein Sonnenuntergang, ein intensives Gespräch, ein Moment tiefer Stille. In diesen Momenten fällt alle Trennung weg. Da ist kein "Ich" mehr, das etwas "da draußen" beobachtet. Da ist nur noch Sein. Das meinte Plotin.
Warum wir uns vom Wesentlichen entfernen
Plotin hatte eine interessante Theorie: Die Seele verlässt ihre Heimat nicht, weil sie böse oder falsch ist, sondern aus einer Art produktivem Überschwang. Sie will sich ausdrücken, kreativ sein, etwas bewirken. Sie will die Vielfalt der Welt erfahren.
Das Problem ist nur: Wir vergessen dabei, wer wir wirklich sind. Wir identifizieren uns mit den Rollen, die wir spielen. Mit unseren Gedanken, unseren Gefühlen, unserem Körper. Wir glauben, wir SIND unsere Ängste, unsere To-Do-Listen, unsere Erfolge und Misserfolge.
Schau dir deinen gestrigen Tag an: Wie viel Zeit hast du damit verbracht, auf Außen-Reize zu reagieren? E-Mails, Nachrichten, Anforderungen anderer? Wie viel Zeit hast du damit verbracht, einfach nur zu sein?
Die meisten von uns verbringen 99% ihrer Zeit im Außen. Und dann wundern wir uns, warum wir uns leer fühlen, getrieben, nie wirklich angekommen.
Der Weg nach Innen – Plotins Kontemplation
Plotins Lösung war radikal einfach: Kehre um. Geh nach Innen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Mache die Rückkehr zum Wesentlichen zu deiner täglichen Praxis.
Er nannte es Kontemplation – aber nicht im Sinne von "über etwas nachdenken". Kontemplation bei Plotin bedeutet: aufhören zu denken. Den endlosen Strom der Gedanken zur Ruhe bringen. Die Aufmerksamkeit von außen nach innen wenden. Und dann einfach da sein.
Das ist keine Flucht aus der Welt. Es ist das Gegenteil: Es ist die einzige Möglichkeit, wirklich in der Welt zu sein. Denn wenn du ständig nur reagierst, nie innehältst, nie bei dir ankommst – dann lebst du auf Autopilot. Du funktionierst, aber du lebst nicht.

Vom Außen nach Innen: Dein tägliches Heimkommen
Hier sind konkrete Wege, wie du Plotins Philosophie in deinen Alltag integrieren kannst:
1. Die heiligen 10 Minuten am Morgen
Bevor du dein Handy checkst, bevor du in den Tag startest, bevor du irgendetwas "tust" – setze dich 10 Minuten hin. Einfach nur sitzen. Augen geschlossen oder auf einen Punkt gerichtet.
Du musst nicht meditieren im klassischen Sinne. Du musst nichts "richtig" machen. Tu einfach nichts. Lass die Gedanken kommen und gehen wie Wolken am Himmel. Versuche nicht, sie zu stoppen. Aber identifiziere dich auch nicht mit ihnen.
Frage dich : Wer bin ich, bevor die Gedanken kommen? Was ist hier, wenn ich nicht denke?
Das ist deine tägliche Heimkehr. Deine Rückkehr zum Wesentlichen.
2. Die Stille-Inseln im Tag
Plotin empfahl nicht, sich permanent zurückzuziehen. Aber er sagte: Kehre regelmäßig zurück. Schaffe dir Inseln der Stille im Meer der Aktivität.
Konkret könnte das bedeuten:
Diese Momente sind keine verschwendete Zeit. Sie sind die Zeit, in der du wirklich lebst. Alles andere ist nur Bewegung an der Oberfläche.
3. Die Praxis der liebevollen Aufmerksamkeit
Plotin sprach davon, dass die Rückkehr zum Einen nicht durch Anstrengung geschieht, sondern durch Liebe. Durch sanfte, liebevolle Aufmerksamkeit.
Probiere das aus: Setze dich hin und richte deine Aufmerksamkeit nach innen. Aber nicht mit Gewalt, nicht mit dem Willen, etwas zu erreichen. Sondern wie ein Liebender, der zum Geliebten zurückkehrt. Mit Zärtlichkeit. Mit Sehnsucht. Mit Freude.
Spüre: Wo fühlt sich dein Körper lebendig an? Wo ist Stille? Wo ist Weite? Folge dieser inneren Landschaft, als würdest du einen schönen Garten erkunden.
4. Das Abschälen der Schichten
Plotin beschrieb die Kontemplation als einen Prozess des Abschälens. Wie bei einer Zwiebel entfernst du eine Schicht nach der anderen, bis du zum Kern kommst.
Hier ist eine Übung dafür:
Setze dich hin und frage dich:
Mit jeder Frage gehst du eine Schicht tiefer. Irgendwann kommst du an einen Punkt, wo keine Worte mehr sind. Nur noch Sein. Das ist das Wesentliche, zu dem du zurückkehrst.
5. Die Kontemplation im Handeln
Fortgeschritten, aber kraftvoll: Versuche, die innere Verbindung auch während deiner Aktivitäten aufrechtzuerhalten.
Wenn du arbeitest, sprichst, kochst – kannst du einen Teil deiner Aufmerksamkeit bei diesem inneren Raum lassen? Kannst du handeln, ohne dich in der Handlung zu verlieren?
Plotin nannte das "Wirken ohne Aktivität". Du tust, was getan werden muss, aber du bist nicht identifiziert damit. Du bleibst verwurzelt im Wesentlichen, während du dich in der Welt bewegst.
Die Früchte der Rückkehr
Was passiert, wenn du regelmäßig zum Wesentlichen zurückkehrst?
Plotin beschrieb es so: Du wirst freier. Nicht im Sinne von "ich kann tun, was ich will", sondern im Sinne von "ich bin nicht mehr Sklave meiner Impulse, meiner Ängste, meiner Konditionierungen".
Du entwickelst eine innere Stabilität. Die Stürme des Lebens berühren dich immer noch, aber sie reißen dich nicht mehr um. Du hast einen Anker, der tiefer reicht als die Wellen an der Oberfläche.
Du wirst präsenter. Weil du nicht mehr ständig im Autopilot läufst, sondern wirklich da bist. Für dich selbst, für andere, für den Moment.
Und du entdeckst eine Quelle von Freude, die nicht von äußeren Umständen abhängt. Eine Freude, die aus dem puren Sein kommt. Aus der Verbindung mit dem, was wirklich ist.
Keine Religion, sondern Erfahrung
Wichtig: Plotin war kein religiöser Dogmatiker. Er sagte nicht: "Glaube mir." Er sagte: "Probiere es aus. Geh den Weg nach Innen und schau, was du findest."
Du brauchst keinen Glauben an ein höheres Wesen. Keine Dogmen. Keine Rituale. Nur die Bereitschaft, innezuhalten. Die Bereitschaft, vom Außen ins Innen zu gehen. Die Bereitschaft, das Wesentliche in dir zu entdecken.
Manche finden dort Gott. Andere finden Stille. Wieder andere finden einfach sich selbst. Es spielt keine Rolle, wie du es nennst. Wichtig ist nur, dass du hingehst.
Deine Praxis für diese Woche
Ich lade dich ein, diese Woche jeden Tag 10 Minuten bewusst nach Innen zu gehen:
Morgens: Bevor du in den Tag startest, 10 Minuten sitzen. Keine Technik, keine Erwartung. Einfach nur da sein. Spüre: Wie fühlt es sich an, nach Hause zu kommen?
Im Laufe des Tages: Schaffe mindestens drei Stille-Inseln. Momente, in denen du nicht reagierst, nicht konsumierst, nicht tust. Momente des puren Seins.
Abends: Notiere in einem Satz: Wo habe ich heute das Wesentliche berührt? Gab es einen Moment, in dem ich wirklich präsent war?
Zum Schluss: Die Sehnsucht als Wegweiser
Plotin glaubte: Die Sehnsucht nach dem Wesentlichen ist in uns allen. Manche spüren sie als diffuses Unbehagen. Als Gefühl, dass "da mehr sein muss". Als Leere, die sich nicht mit äußeren Dingen füllen lässt.
Diese Sehnsucht ist kein Problem. Sie ist die Lösung. Sie ist der Ruf der Seele, der dich nach Hause führt.
Du musst nicht in ein Kloster gehen. Nicht dein Leben umkrempeln. Nicht stundenlang meditieren. Du musst nur regelmäßig innehalten. 10 Minuten am Tag, in denen du vom Außen ins Innen gehst. In denen du zur Stille zurückkehrst. In denen du das Wesentliche berührst.
Das ist keine Flucht aus dem Leben. Es ist der einzige Weg, wirklich zu leben.
Die Rückkehr nach Hause beginnt mit einem einzigen Atemzug. Mit einem Moment der Stille. Mit der Entscheidung: Jetzt. Ich kehre zurück.
Willkommen zu Hause.
♥️
Wann hast du das letzte Mal einfach nur dagesessen? Ohne Handy, ohne Musik, ohne irgendetwas zu tun? Nur du und die Stille. Für die meisten von uns liegt dieser Moment erschreckend weit zurück. Wir leben in einer Welt des permanenten Außen – Benachrichtigungen, Termine, Gespräche, Inhalte. Wir konsumieren, reagieren, funktionieren. Aber wann sind wir wirklich bei uns?
Jetzt zum Ende des Jahres ist vielleicht eine gute Zeit, innezuhalten, nach innen zu gehen, und in die Tiefe zu gehen.

Der griechische Philosoph Plotin (205-270 n. Chr.) lebte in einer erstaunlich ähnlichen Zeit. Das römische Reich war auf seinem Höhepunkt, Handel und Kommunikation florierten, Menschen waren beschäftigt mit Geschäften, Politik, gesellschaftlichem Aufstieg. Und mittendrin saß Plotin und fragte: Was, wenn all das nur die Oberfläche ist? Was, wenn das wahre Leben im Innen stattfindet?
Die Sehnsucht nach Tiefe
Plotin erzählte eine Geschichte, die seine ganze Philosophie zusammenfasst: Stell dir vor, du lebst seit Jahren im Ausland. Du hast dort ein Leben aufgebaut, Gewohnheiten entwickelt, dich eingelebt. Aber tief in dir lebt eine Sehnsucht nach Heimat. Nach dem Ort, wo du wirklich hingehörst. Eines Tages beschließt du: Ich kehre zurück.
Für Plotin ist unsere Seele genau in dieser Situation. Sie hat ihr wahres Zuhause verlassen – das Innere, das Wesentliche, das Stille – und sich im Außen verloren. In den tausend Dingen, die uns beschäftigen, den Rollen, die wir spielen, den Identitäten, die wir konstruieren. Und irgendwann meldet sich diese Sehnsucht: Da muss doch mehr sein. Da muss es etwas Tieferes geben.
Diese Sehnsucht ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist der Kompass, der uns nach Hause führt.
Was Plotin unter "dem Einen" verstand
Plotin sprach vom "Einen" – dem Ursprung, der Quelle, dem Wesentlichen. Das klingt erst mal abstrakt oder religiös, aber: Das Eine ist das, was übrig bleibt, wenn du alles Oberflächliche abziehst.
Nicht deine Rolle als Mutter, Vater, Angestellter. Nicht deine Meinungen und Überzeugungen. Nicht deine Ängste und Hoffnungen. Sondern das, was darunter liegt. Das reine Bewusstsein. Das stille Sein.
Plotin war überzeugt: Dieses Wesentliche in dir ist nicht getrennt vom Wesentlichen des Universums. Du bist kein isoliertes Ich, das zufällig existiert. Du bist Teil eines größeren Ganzen, und wenn du tief genug in dich hineingehst, findest du nicht nur dich selbst – du findest alles.
Klingt esoterisch? Vielleicht. Aber überleg mal: Kennst du diese Momente, in denen du völlig präsent bist? Ein Sonnenuntergang, ein intensives Gespräch, ein Moment tiefer Stille. In diesen Momenten fällt alle Trennung weg. Da ist kein "Ich" mehr, das etwas "da draußen" beobachtet. Da ist nur noch Sein. Das meinte Plotin.
Warum wir uns vom Wesentlichen entfernen
Plotin hatte eine interessante Theorie: Die Seele verlässt ihre Heimat nicht, weil sie böse oder falsch ist, sondern aus einer Art produktivem Überschwang. Sie will sich ausdrücken, kreativ sein, etwas bewirken. Sie will die Vielfalt der Welt erfahren.
Das Problem ist nur: Wir vergessen dabei, wer wir wirklich sind. Wir identifizieren uns mit den Rollen, die wir spielen. Mit unseren Gedanken, unseren Gefühlen, unserem Körper. Wir glauben, wir SIND unsere Ängste, unsere To-Do-Listen, unsere Erfolge und Misserfolge.
Schau dir deinen gestrigen Tag an: Wie viel Zeit hast du damit verbracht, auf Außen-Reize zu reagieren? E-Mails, Nachrichten, Anforderungen anderer? Wie viel Zeit hast du damit verbracht, einfach nur zu sein?
Die meisten von uns verbringen 99% ihrer Zeit im Außen. Und dann wundern wir uns, warum wir uns leer fühlen, getrieben, nie wirklich angekommen.
Der Weg nach Innen – Plotins Kontemplation
Plotins Lösung war radikal einfach: Kehre um. Geh nach Innen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Mache die Rückkehr zum Wesentlichen zu deiner täglichen Praxis.
Er nannte es Kontemplation – aber nicht im Sinne von "über etwas nachdenken". Kontemplation bei Plotin bedeutet: aufhören zu denken. Den endlosen Strom der Gedanken zur Ruhe bringen. Die Aufmerksamkeit von außen nach innen wenden. Und dann einfach da sein.
Das ist keine Flucht aus der Welt. Es ist das Gegenteil: Es ist die einzige Möglichkeit, wirklich in der Welt zu sein. Denn wenn du ständig nur reagierst, nie innehältst, nie bei dir ankommst – dann lebst du auf Autopilot. Du funktionierst, aber du lebst nicht.

Vom Außen nach Innen: Dein tägliches Heimkommen
Hier sind konkrete Wege, wie du Plotins Philosophie in deinen Alltag integrieren kannst:
1. Die heiligen 10 Minuten am Morgen
Bevor du dein Handy checkst, bevor du in den Tag startest, bevor du irgendetwas "tust" – setze dich 10 Minuten hin. Einfach nur sitzen. Augen geschlossen oder auf einen Punkt gerichtet.
Du musst nicht meditieren im klassischen Sinne. Du musst nichts "richtig" machen. Tu einfach nichts. Lass die Gedanken kommen und gehen wie Wolken am Himmel. Versuche nicht, sie zu stoppen. Aber identifiziere dich auch nicht mit ihnen.
Frage dich : Wer bin ich, bevor die Gedanken kommen? Was ist hier, wenn ich nicht denke?
Das ist deine tägliche Heimkehr. Deine Rückkehr zum Wesentlichen.
2. Die Stille-Inseln im Tag
Plotin empfahl nicht, sich permanent zurückzuziehen. Aber er sagte: Kehre regelmäßig zurück. Schaffe dir Inseln der Stille im Meer der Aktivität.
Konkret könnte das bedeuten:
- Bevor du eine wichtige E-Mail schreibst: 3 Atemzüge, Augen schließen, nach innen spüren
- In der Mittagspause: 5 Minuten nur sitzen, ohne Handy, ohne Gespräch
- Abends vor dem Schlafengehen: 10 Minuten Rückzug, keine Bildschirme
Diese Momente sind keine verschwendete Zeit. Sie sind die Zeit, in der du wirklich lebst. Alles andere ist nur Bewegung an der Oberfläche.
3. Die Praxis der liebevollen Aufmerksamkeit
Plotin sprach davon, dass die Rückkehr zum Einen nicht durch Anstrengung geschieht, sondern durch Liebe. Durch sanfte, liebevolle Aufmerksamkeit.
Probiere das aus: Setze dich hin und richte deine Aufmerksamkeit nach innen. Aber nicht mit Gewalt, nicht mit dem Willen, etwas zu erreichen. Sondern wie ein Liebender, der zum Geliebten zurückkehrt. Mit Zärtlichkeit. Mit Sehnsucht. Mit Freude.
Spüre: Wo fühlt sich dein Körper lebendig an? Wo ist Stille? Wo ist Weite? Folge dieser inneren Landschaft, als würdest du einen schönen Garten erkunden.
4. Das Abschälen der Schichten
Plotin beschrieb die Kontemplation als einen Prozess des Abschälens. Wie bei einer Zwiebel entfernst du eine Schicht nach der anderen, bis du zum Kern kommst.
Hier ist eine Übung dafür:
Setze dich hin und frage dich:
- "Ich bin nicht mein Körper. Was bin ich dann?"
- Spüre nach. Warte auf eine Antwort, die aus der Stille kommt.
- "Ich bin nicht meine Gedanken. Was bin ich dann?"
- Wieder spüren, warten.
- "Ich bin nicht meine Gefühle. Was bin ich dann?"
- "Ich bin nicht meine Rollen. Was bin ich dann?"
Mit jeder Frage gehst du eine Schicht tiefer. Irgendwann kommst du an einen Punkt, wo keine Worte mehr sind. Nur noch Sein. Das ist das Wesentliche, zu dem du zurückkehrst.
5. Die Kontemplation im Handeln
Fortgeschritten, aber kraftvoll: Versuche, die innere Verbindung auch während deiner Aktivitäten aufrechtzuerhalten.
Wenn du arbeitest, sprichst, kochst – kannst du einen Teil deiner Aufmerksamkeit bei diesem inneren Raum lassen? Kannst du handeln, ohne dich in der Handlung zu verlieren?
Plotin nannte das "Wirken ohne Aktivität". Du tust, was getan werden muss, aber du bist nicht identifiziert damit. Du bleibst verwurzelt im Wesentlichen, während du dich in der Welt bewegst.
Die Früchte der Rückkehr
Was passiert, wenn du regelmäßig zum Wesentlichen zurückkehrst?
Plotin beschrieb es so: Du wirst freier. Nicht im Sinne von "ich kann tun, was ich will", sondern im Sinne von "ich bin nicht mehr Sklave meiner Impulse, meiner Ängste, meiner Konditionierungen".
Du entwickelst eine innere Stabilität. Die Stürme des Lebens berühren dich immer noch, aber sie reißen dich nicht mehr um. Du hast einen Anker, der tiefer reicht als die Wellen an der Oberfläche.
Du wirst präsenter. Weil du nicht mehr ständig im Autopilot läufst, sondern wirklich da bist. Für dich selbst, für andere, für den Moment.
Und du entdeckst eine Quelle von Freude, die nicht von äußeren Umständen abhängt. Eine Freude, die aus dem puren Sein kommt. Aus der Verbindung mit dem, was wirklich ist.
Keine Religion, sondern Erfahrung
Wichtig: Plotin war kein religiöser Dogmatiker. Er sagte nicht: "Glaube mir." Er sagte: "Probiere es aus. Geh den Weg nach Innen und schau, was du findest."
Du brauchst keinen Glauben an ein höheres Wesen. Keine Dogmen. Keine Rituale. Nur die Bereitschaft, innezuhalten. Die Bereitschaft, vom Außen ins Innen zu gehen. Die Bereitschaft, das Wesentliche in dir zu entdecken.
Manche finden dort Gott. Andere finden Stille. Wieder andere finden einfach sich selbst. Es spielt keine Rolle, wie du es nennst. Wichtig ist nur, dass du hingehst.
Deine Praxis für diese Woche
Ich lade dich ein, diese Woche jeden Tag 10 Minuten bewusst nach Innen zu gehen:
Morgens: Bevor du in den Tag startest, 10 Minuten sitzen. Keine Technik, keine Erwartung. Einfach nur da sein. Spüre: Wie fühlt es sich an, nach Hause zu kommen?
Im Laufe des Tages: Schaffe mindestens drei Stille-Inseln. Momente, in denen du nicht reagierst, nicht konsumierst, nicht tust. Momente des puren Seins.
Abends: Notiere in einem Satz: Wo habe ich heute das Wesentliche berührt? Gab es einen Moment, in dem ich wirklich präsent war?
Zum Schluss: Die Sehnsucht als Wegweiser
Plotin glaubte: Die Sehnsucht nach dem Wesentlichen ist in uns allen. Manche spüren sie als diffuses Unbehagen. Als Gefühl, dass "da mehr sein muss". Als Leere, die sich nicht mit äußeren Dingen füllen lässt.
Diese Sehnsucht ist kein Problem. Sie ist die Lösung. Sie ist der Ruf der Seele, der dich nach Hause führt.
Du musst nicht in ein Kloster gehen. Nicht dein Leben umkrempeln. Nicht stundenlang meditieren. Du musst nur regelmäßig innehalten. 10 Minuten am Tag, in denen du vom Außen ins Innen gehst. In denen du zur Stille zurückkehrst. In denen du das Wesentliche berührst.
Das ist keine Flucht aus dem Leben. Es ist der einzige Weg, wirklich zu leben.
Die Rückkehr nach Hause beginnt mit einem einzigen Atemzug. Mit einem Moment der Stille. Mit der Entscheidung: Jetzt. Ich kehre zurück.
Willkommen zu Hause.
♥️