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Tantra bei Traumen

Tantra bei Trauma: Sanfte Wege zurück in deinen Körper

(Dies ist der fünfte Teil eine Tantra Serie: Tantra für Frauen I & II, Tantra für Männer, Tantra für Paare, Tantra & Traumatherapie, Tantra für Singles)


Exkurs:
Was ist Tantra eigentlich?
Vielleicht denkst du bei Tantra sofort an Sexualität – das ist nur ein kleiner Teil eines viel größeren Bildes. Tantra ist eine jahrtausendealte spirituelle Praxis, die aus Indien stammt und wörtlich übersetzt "Ausdehnung" oder "etwas was die Ausdehnung fördert" bedeutet. ("Tan": ausdehnen. "Tra": Instrument)
Im Kern geht es darum:

  • Lebensenergie bewusst zu spüren und fließen zu lassen – diese Energie nennt man auch "Prana" oder Qi
  • Deinen Körper als heiligen Tempel zu erfahren, nicht als etwas, das kontrolliert oder perfektioniert werden muss
  • Präsenz im gegenwärtigen Moment – raus aus dem Kopf, rein ins Fühlen
  • Die Verbindung zwischen Atem, Bewegung und Bewusstsein zu nutzen, um mehr Lebendigkeit zu erfahren

___

Wie du nach Verletzungen wieder Sicherheit, Vertrauen und Verbindung zu dir selbst finden kannst

Vielleicht kennst du das Gefühl: Dein Körper fühlt sich nicht mehr wie "zu Hause" an. Du lebst irgendwie neben dir, funktionierst, aber wirklich spüren tust du dich nicht. Intimität fühlt sich bedrohlich an. Berührungen – selbst liebevolle – lassen dich erstarren oder weglaufen wollen. Dein Unterleib ist wie ein abgetrenntes Gebiet, taub oder voller undefinierbarer Angst.
Diese Reaktionen sind keine Schwäche. Sie sind die natürliche Antwort deines Körpers auf Erfahrungen, die zu viel waren – Erfahrungen, die deine Grenzen verletzt haben, deine Sicherheit genommen haben, dich hilflos gemacht haben.
Diesr Artikel ist für dich, wenn du bereit bist, ganz kleine Schritte zu gehen. Nicht um zu heilen (das ist ein längerer Weg), sondern um wieder anzufangen, deinem Körper zu vertrauen.

Was ist Trauma – und wie zeigt es sich im Körper?
Trauma ist nicht das Ereignis selbst, sondern das, was in deinem Nervensystem zurückbleibt, wenn eine Erfahrung zu überwältigend war, um sie zu verarbeiten.

Verschiedene Formen von Trauma
Sexuelle Gewalt und Übergriffe
  • Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, ungewollte Berührungen
  • Dein Körper hat gelernt: Berührung bedeutet Gefahr, Kontrollverlust, Schmerz
  • Die Reaktion: Erstarren, Abschalten, Flucht aus dem Körper

Emotionale Vernachlässigung und Lieblosigkeit

  • Als Kind nicht gesehen, nicht gehalten, nicht geliebt worden zu sein
  • Dein Körper hat gelernt: Ich bin nicht wichtig, ich bin nicht wertvoll
  • Die Reaktion: Dich selbst nicht spüren können oder wollen, Selbstablehnung

Geburtstrauma

  • Schwierige Geburt, Kaiserschnitt ohne Einwilligung, Gewalt unter der Geburt
  • Dein Körper hat gelernt: Ich wurde verletzt, als ich Leben gab
  • Die Reaktion: Abspaltung vom Unterleib, Taubheit, Scham

Medizinische Eingriffe und Operationen

  • Besonders im Genitalbereich (Gynäkologie, Urologie, Prostatauntersuchungen)
  • Dein Körper hat gelernt: Andere haben Macht über meinen intimsten Bereich
  • Die Reaktion: Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Misstrauen gegenüber Berührung

Emotionale Gewalt in Beziehungen

  • Manipulation, Abwertung, emotionaler Missbrauch
  • Dein Körper hat gelernt: Nähe ist gefährlich, Liebe tut weh
  • Die Reaktion: Verschließen, Mauern hochziehen, sich unsichtbar machen


Wie Trauma im Körper "feststeckt"
Wenn eine traumatische Erfahrung passiert, will dein Körper eigentlich kämpfen oder fliehen. Wenn beides nicht möglich ist, erstarrt er – das nennt man "Freeze-Reaktion". Diese eingefrorene Energie bleibt oft im Körper gespeichert, besonders im Becken, im Unterleib, in den Schultern.
Die Folgen können sein:
  • Chronische Verspannungen im Beckenboden
  • Taubheit oder Überempfindlichkeit im Unterleib
  • Panik bei Berührungen
  • Dissoziation (das Gefühl, nicht wirklich da zu sein)
  • Unfähigkeit, Grenzen zu spüren oder zu setzen
  • Selbstablehnung, Ekel vor dem eigenen Körper

Warum sanfte tantrische Arbeit helfen kann
Tantra – im traumasensiblen Kontext – bedeutet nicht Sexualität oder Intimität mit anderen. Es bedeutet:

Wieder Sicherheit im eigenen Körper finden

  • Langsam lernen: Mein Körper gehört mir
  • Spüren üben, ohne überwältigt zu werden
  • Grenzen setzen lernen – auch dir selbst gegenüber

Atem als Anker nutzen

  • Dein Atem ist immer bei dir, er ist sicher
  • Er kann dich zurückholen, wenn du dissoziierst
  • Er beruhigt dein Nervensystem

Erdung und Präsenz

  • Aus dem Kopf (wo die Erinnerungen kreisen) zurück in den Körper
  • Füße spüren, Boden spüren: "Ich bin hier, ich bin sicher"

In deinem Tempo

  • Du entscheidest, wie weit du gehst
  • Du darfst jederzeit stoppen
  • Es gibt kein Ziel, keine Leistung

Wichtig zu wissen:
Diese Übungen sind KEINE Therapie. Sie sind Selbstfürsorge-Werkzeuge, die eine professionelle Trauma-Therapie begleiten können, aber nicht ersetzen. Wenn du schwere Traumata erlebt hast, such dir bitte professionelle Unterstützung – eine Traumatherapeutin, eine spezialisierte Körpertherapeutin. Ich arbeite in meiner Praxis mit Methoden wie EFT, Metamorphose am Fuss, Atemübungen und Psychokinesiologie und kann dich begleiten, aber bei schweren Traumata braucht es meist mehr.

Sanfte Übungen: Dein Weg zurück in deinen Körper

Grundregel für ALLE Übungen

Du hast jederzeit die Erlaubnis:

  • Aufzuhören
  • Die Augen zu öffnen
  • Dich zu bewegen, aufzustehen
  • "Nein" zu sagen – auch zu dir selbst

Wenn eine Übung sich nicht gut anfühlt:

  • Stoppe sofort
  • Öffne die Augen, schaue dich im Raum um
  • Sprich laut ("Ich bin hier", "Ich bin sicher")
  • Berühre etwas Festes (Tischkante, Wand)


Übung 1: Erdung – Füße als Anker
Diese Übung ist dein Fundament. Sie hilft dir, im Hier und Jetzt anzukommen, nicht in der Vergangenheit.
So geht's:
  1. Setze dich auf einen Stuhl, beide Füße fest am Boden. Oder stehe aufrecht.
  2. Öffne die Augen (geschlossene Augen können triggern – nur schließen, wenn es sich sicher anfühlt).
  3. Spüre deine Füße. Wirklich spüren – die Sohlen, die Fersen, die Zehen.
  4. Drücke deine Füße bewusst in den Boden. Spüre den Gegendruck.
  5. Sage innerlich oder laut: "Ich bin hier. Jetzt. In diesem Raum. Ich bin sicher."
  6. Atme ruhig weiter und bleibe bei deinen Füßen.

Warum das hilft:
Füße sind weit weg von den Bereichen, wo Trauma oft sitzt (Bauch, Becken, Brust). Sie sind "sicher". Wenn du deine Füße spürst, bist du im Jetzt – nicht in der Erinnerung.
Nutze diese Übung: Immer, wenn du dich getriggert fühlst, wenn Erinnerungen hochkommen, wenn du dich verloren fühlst.

Übung 2: Einen sicheren Ort im Körper finden
Nicht alle Körperteile fühlen sich unsicher an. Oft gibt es einen Ort in dir, der sich neutral oder sogar gut anfühlt.
So geht's:
  1. Sitze oder liege bequem. Augen können offen bleiben.
  2. Scanne langsam deinen Körper – ohne Bewertung, einfach nur wahrnehmen:
    • Wie fühlen sich deine Hände an?
    • Deine Schultern?
    • Dein Gesicht?
    • Deine Füße?
  3. Finde einen Bereich, der sich einigermaßen okay anfühlt. Vielleicht deine Hände, vielleicht dein Herz, vielleicht deine Füße.
  4. Lege eine oder beide Hände auf diesen "sicheren Ort".
  5. Atme in deine Hände – spüre die Wärme, spüre den Kontakt.
  6. Sage innerlich: "Dieser Teil von mir ist okay. Ich darf hier sein."

Wenn kein Ort sich sicher anfühlt:
Das ist okay. Dann ist dein sicherer Ort außerhalb von dir – vielleicht ein Gegenstand, den du anfassen kannst (ein Stein, eine Decke), oder ein Ort in deinem Kopf (ein Strand, ein Wald). Stell ihn dir vor.
Warum das hilft: Wenn du weißt, dass es einen sicheren Ort gibt (in dir oder außerhalb), kannst du dorthin zurückkehren, wenn es zu viel wird.

Übung 3: Atem als Anker – Beruhigung für dein Nervensystem

Dein Atem ist dein mächtigstes Werkzeug. Er kann dich aus Panik rausholen, aus Erstarrung, aus Dissoziation.
So geht's:
  1. Sitze bequem, Füße am Boden. Augen offen oder geschlossen – wie es sich besser anfühlt.
  2. Lege eine Hand auf deine Brust, eine auf deinen Bauch (nur wenn Bauchberührung sich okay anfühlt – sonst beide Hände auf die Oberschenkel).
  3. Atme durch die Nase ein – zähle dabei bis 4.
  4. Halte den Atem kurz – zähle bis 2.
  5. Atme durch den Mund aus – zähle bis 6 oder 8 (länger als das Einatmen).
  6. Wiederhole das 8-10 Mal.

Das verlängerte Ausatmen aktiviert deinen Parasympathikus
– den Teil deines Nervensystems, der für Beruhigung zuständig ist. Es sagt deinem Körper: "Die Gefahr ist vorbei."
Wenn du merkst, dass du dissoziierst (dich abgeschaltet fühlst):
  • Öffne die Augen
  • Benenne 5 Dinge, die du siehst ("Ich sehe eine Lampe, ich sehe einen Tisch...")
  • Atme dann weiter

Übung 4: "Ja" und "Nein" im Körper spüren – Grenzen finden

Viele traumatisierte Menschen haben verlernt, ihre Grenzen zu spüren. Diese Übung hilft dir, sie wiederzufinden.
So geht's:
  1. Sitze oder stehe bequem, Füße geerdet.
  2. Denke an etwas, das dir eindeutig guttut – etwas Harmloses (z.B. dein Lieblingsessen, ein geliebter Mensch, ein schöner Ort).
  3. Sage laut oder innerlich "Ja" dazu.
  4. Spüre, wie sich dieses "Ja" in deinem Körper anfühlt. Wo spürst du es? Brust? Bauch? Wird es warm? Leicht?
  5. Jetzt denke an etwas, das dir eindeutig nicht guttut (z.B. ein Essen, das du nicht magst, eine unangenehme Aufgabe).
  6. Sage laut oder innerlich "Nein" dazu.
  7. Spüre, wie sich dieses "Nein" anfühlt. Wo spürst du es? Wird es eng? Kühl? Zieht sich etwas zusammen?

Warum das wichtig ist:
Wenn du lernst, wie sich "Ja" und "Nein" in deinem Körper anfühlen, kannst du diese Signale auch in anderen Situationen wahrnehmen – bei Berührungen, bei Nähe, bei Entscheidungen.
Übe das regelmäßig mit harmlosen Dingen, bis du sicher darin bist. Dann kannst du es auf größere Situationen übertragen.

Übung 5: Sanfte Selbstberührung – nur wenn es sich sicher anfühlt

Diese Übung ist optional. Mache sie NUR, wenn Berührung sich gerade okay anfühlt. Wenn nicht, überspringe sie.
So geht's:
  1. Sitze oder liege bequem in einem warmen, sicheren Raum.
  2. Beginne mit deinen Händen – reibe sie aneinander, bis sie warm sind.
  3. Lege eine Hand auf dein Herz – einfach nur halten, keine Bewegung.
  4. Atme in die Berührung hinein. Sage innerlich: "Ich bin es, der/die mich berührt. Ich bin sicher."
  5. Wenn das okay ist: Streiche langsam über deinen Arm – von der Schulter bis zur Hand.
  6. Bleibe bei den "sicheren" Bereichen: Hände, Arme, eventuell Gesicht, Schultern.
  7. Vermeide den Unterleib, das Becken, die Brust – diese Bereiche sind oft zu geladen. Dafür ist später Zeit, mit professioneller Begleitung.

Wenn Panik kommt:

  • Stoppe sofort
  • Öffne die Augen
  • Füße spüren (Übung 1)
  • Atmen (Übung 3)

Warum das hilft:
Du lernst, dass Berührung auch sicher sein kann – wenn DU sie kontrollierst, in deinem Tempo, mit deiner Erlaubnis.

Übung 6: Das "Stopp"-Signal üben
Diese Übung ist fundamental. Sie gibt dir ein klares Werkzeug, um Überwältigung zu vermeiden.
So geht's:
  1. Stehe auf, Füße fest am Boden.
  2. Hebe beide Hände vor deinen Körper, Handflächen nach außen (wie ein "Stopp"-Zeichen).
  3. Sage laut und klar: "Stopp!" oder "Nein!" oder "Genug!"
  4. Spüre die Kraft in deiner Stimme, die Klarheit in der Geste.
  5. Wiederhole das mehrmals, bis es sich natürlich anfühlt.

Warum das wichtig ist:
In einer Trauma-Situation konntest du oft nicht "Nein" sagen oder "Stopp" rufen. Diese Übung gibt dir die Macht zurück – du übst, deine Grenze klar zu setzen.
Nutze dieses Signal: Auch bei den Übungen hier. Wenn etwas zu viel wird – "Stopp" sagen (laut oder innerlich), aufhören, Füße spüren.

Was du bei diesen Übungen NICHT tun solltest

Vermeide:

  • Übungen, die deinen Unterleib direkt betreffen (Beckenboden-Aktivierung, Berührung der Genitalien) – das kommt viel später, vielleicht mit professioneller Begleitung
  • Zu lange Meditationen mit geschlossenen Augen – das kann dissoziativ wirken
  • Dich zu etwas zwingen – wenn dein Körper "Nein" sagt, ist das Weisheit
  • Alleine zu üben, wenn du dich sehr instabil fühlst – hol dir Unterstützung

Wichtig:
Diese Übungen sind sanft, aber sie können trotzdem Emotionen hochbringen – Trauer, Wut, Angst. Das ist normal. Wenn es zu überwältigend wird, stoppe und suche dir professionelle Hilfe.

Wie du diese Übungen in deinen Alltag integrierst
Kleine Schritte, nicht große Sprünge:
  • Täglich: Erdungs-Übung (Nr. 1) – morgens und immer wenn du dich unsicher fühlst (2-3 Minuten)
  • 2-3x pro Woche: Atem als Anker (Nr. 3) – 5 Minuten
  • 1x pro Woche: Sichere Selbstberührung (Nr. 5) – nur wenn es sich gut anfühlt (10 Minuten)

Nicht alle Übungen an einem Tag.
Nicht zu viel auf einmal. Dein Nervensystem braucht Zeit, um zu integrieren.
Schaffe dir einen sicheren Raum:
  • Übe nicht, wenn jemand unerwartet hereinkommen könnte
  • Mache dein Handy aus
  • Vielleicht eine Kerze, warmes Licht, eine Decke
  • Habe ein Glas Wasser bereit

Nach jeder Übung:

  • Bleibe einen Moment sitzen oder liegen
  • Spüre nach: Wie geht es dir?
  • Schreibe eventuell auf, was du gespürt hast (Tagebuch kann helfen)

Wann du professionelle Hilfe brauchst
Diese Übungen können dich unterstützen, aber sie ersetzen keine Therapie. Suche dir professionelle Hilfe, wenn:
  • Die Erinnerungen dich überwältigen
  • Du Selbstverletzungs- oder Suizidgedanken hast
  • Du im Alltag nicht mehr funktionieren kannst
  • Die Übungen hier dich retraumatisieren statt zu helfen
  • Du merkst, dass du alleine nicht weiterkommst

Gute Anlaufstellen:

  • Trauma-Therapeut:innen, Psychotherapeuten
  • Frauenberatungsstellen bei sexueller Gewalt
  • Psychologische Notdienste bei akuten Krisen


Der lange Weg – und warum er sich lohnt

Der Weg zurück in deinen Körper nach Trauma ist nicht schnell. Es gibt keine "3-Schritte-Lösung", keinen Schalter, den man umlegt.
Es ist ein Prozess. Zwei Schritte vor, einen zurück. Gute Tage und schwierige Tage.
Aber:
Mit jedem kleinen Schritt gewinnst du ein Stück von dir zurück. Mit jeder Übung, die sich okay anfühlt, sagst du deinem Körper: "Ich bin hier. Ich kümmere mich um dich. Du bist sicher."
Vielleicht wirst du irgendwann wieder spüren können – ohne Angst. Vielleicht wirst du Berührung genießen können – mit jemandem, dem du vertraust. Vielleicht wirst du in den Spiegel schauen und denken: "Ich bin okay. Ich bin genug."
Das braucht Zeit. Aber es ist möglich.


Dein Körper hat dich durch das Trauma getragen. Er hat dich geschützt – auch wenn es sich nicht so anfühlt. Jetzt darfst du lernen, ihm wieder zu vertrauen. Ganz langsam. In deinem Tempo.


Du bist nicht "kaputt". Du bist verletzt. Und Verletzungen können heilen!


Hier findest du schon einen Blog-Beitrag zu Tantra & Stoizismus


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