Essanfälle am Abend – warum wir essen, wenn niemand mehr da ist
Von Gudrun Faller, Heilpraktikerin, Praxis für ganzheitliche Medizin Lörrach
Was mich an ihrer Schilderung besonders nachdenklich gemacht hat: Es passiert fast exakt um 20 Uhr. Nicht „irgendwann abends“, sondern zu einer bestimmten Zeit. Und als wir genauer hinschauten, wurde mir klar – das ist nicht nur Zufall.
Was im Körper passiert – Kauen als Selbstregulation
Essen – und besonders Kauen – ist keine rein mechanische Handlung. Kauen kann tatsächlich den Parasympathikus aktivieren, über den Vagusnerv. Langsames, rhythmisches Kauen stimuliert den längsten Nerv unseres parasympathischen Nervensystems – und bringt den Körper vom Alarmzustand in den Ruhemodus.
Das Problem: Diese beruhigende Wirkung tritt vor allem bei bewusstem, achtsamem Kauen ein. Beim hastigen, wahllosen Essen im Stehen vor dem Kühlschrank – salzig, dann süß, dann fettig – passiert etwas anderes: Der Körper sucht verzweifelt nach dem Reiz, der ihn beruhigt, ohne ihn zu finden. Das erklärt, warum nach dem Essanfall oft kein echtes Sättigungsgefühl folgt – sondern eher Erleichterung, gefolgt von Schuldgefühl.
Warum genau 20 Uhr? – eine andere Spur
Hier wird es für mich besonders interessant. Wenn ein Essanfall regelmäßig zur exakt gleichen Uhrzeit auftritt, ist das selten Zufall. Unser Körper folgt Rhythmen – und manche dieser Rhythmen sind nicht nur biologisch, sondern biografisch geprägt.
20 Uhr war über Jahrzehnte ein fester Punkt im deutschen Alltag: die Tagesschau. Davor das gemeinsame Abendessen, danach – oft um 20:15 Uhr – der Spielfilm. Familien saßen zusammen vor dem Fernseher. Es war ein Ritual des Beisammenseins, oft die einzige feste, gemeinsame Zeit des Tages.
Meine Patientin ist Witwe. Sie lebt allein. Die Tagesschau läuft vielleicht noch – aber niemand sitzt mehr daneben. Der Moment ist geblieben, die Menschen sind gegangen.
Es ist denkbar, dass der Körper auf eine ganz eigene Weise versucht, diese Lücke zu füllen. Nicht bewusst, nicht absichtlich – aber das Nervensystem erinnert sich an Zeiten, in denen genau zu dieser Stunde Nähe, Sicherheit und Gemeinschaft da waren. Wenn diese fehlen, sucht der Körper nach einem Ersatz – und Essen ist einer der direktesten, sofort verfügbaren Wege, sich selbst zu beruhigen.
Warum das kein Willensproblem ist
Viele Betroffene halten sich für „disziplinlos“. Das ist selten die richtige Erklärung. Ein Nervensystem, das nie gelernt hat, mit innerer Not anders umzugehen, sucht den nächstbesten verfügbaren Weg zur Beruhigung – und Essen ist evolutionär tief verankert als Sicherheits- und Trostsignal.
Das bedeutet nicht, dass man dem Essanfall hilflos ausgeliefert ist. Es bedeutet, dass die Lösung nicht in mehr Disziplin liegt – sondern darin, dem Nervensystem alternative Wege zur Beruhigung anzubieten.
Was wirklich hilft – konkrete Ansätze
Mein ganzheitlicher Blick – Körper, Nervensystem und Lebensgeschichte zusammen
In meiner Praxis schaue ich bei solchen Mustern nie nur auf das Essverhalten allein. Relevante Fragen sind oft: Wie ist die Stressachse reguliert? Gibt es einen Magnesiummangel, der die nächtliche Unruhe verstärkt? Wie steht es um Serotonin und Tryptophan – beide eng mit Stimmung und Heisshunger verknüpft? Und nicht zuletzt: Welche Lebensgeschichte steckt hinter dem Muster?
Manchmal braucht es Magnesium und Mikronährstoffe. Manchmal braucht es ein Gespräch über Trauer, die noch nicht ihren Platz gefunden hat. Häufig braucht es beides.
Weiterführende Beiträge
Abendliche Essanfälle sind selten ein reines Ernährungsproblem. Lass uns gemeinsam schauen, was Körper und Seele wirklich brauchen – mit Zeit, Verständnis und ohne Urteil.
📅 Termin online buchen – Praxis Gudrun Faller LörrachHäufige Fragen zu abendlichen Essanfällen
Nicht zwangsläufig. Gelegentliches emotionales Essen ist menschlich und weit verbreitet. Wird es jedoch regelmäßig, zwanghaft und geht mit starkem Kontrollverlust und nachfolgender Scham einher, können Kriterien einer Binge-Eating-Störung erfüllt sein. In diesem Fall ist professionelle Begleitung – auch psychotherapeutisch – sinnvoll.
Entscheidend ist die Qualität des Kauens. Langsames, achtsames Kauen aktiviert den Vagusnerv und beruhigt. Hastiges, unreflektiertes Essen – nebenbei, im Stehen, ohne Wahrnehmung – wirkt dagegen eher überreizend als beruhigend und liefert nicht den gesuchten Effekt.
Ja, durchaus. Magnesiummangel fördert innere Unruhe und Heisshunger besonders abends. Niedriges Serotonin (abhängig von Tryptophan, Vitamin D, B6) begünstigt Verlangen nach Kohlenhydraten. Eine Laboruntersuchung kann hier wertvolle Hinweise liefern – gerade in Kombination mit der emotionalen Ebene.
Das ist völlig in Ordnung. Der erste Schritt muss kein Gespräch sein – manchmal reicht es, das Muster überhaupt erst einmal zu bemerken: Wann passiert es? Was war vorher? Wie fühle ich mich danach? Diese stille Beobachtung allein verändert oft schon etwas.
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