Hormonwerte in Speichel und Blut: Warum Zahlen nicht immer die ganze Wahrheit zeigen
Von Gudrun Faller, Heilpraktikerin, Praxis für ganzheitliche Medizin Lörrach
Wer eine Hormonersatztherapie beginnt – etwa in den Wechseljahren – erwartet oft, dass regelmäßige Laborkontrollen die zentrale Steuergröße der Therapie sind: ein Zielwert, auf den man die Dosis „einstellt“. In meiner Praxis und nach aktuellem internationalem Verständnis ist das jedoch deutlich komplexer. In diesem Beitrag erkläre ich dir, warum ein einzelner Estradiol- oder Progesteronwert so schwer zu interpretieren ist, wann eine Blutabnahme unter HRT wirklich sinnvoll ist – und warum das Befinden am Ende die wichtigere Größe bleibt.
Warum die Messung eines Estradiolwertes so schwierig ist
Der Estradiolspiegel im Serum hängt von deutlich mehr Faktoren ab, als viele Patientinnen – und manche Behandelnde – annehmen:
Ein Wert von zum Beispiel 40 pg/ml bedeutet deshalb nicht automatisch, dass eine Frau „zu wenig“ bekommt. Und 100 pg/ml bedeutet nicht automatisch „zu viel“. Die BMS weist ausdrücklich darauf hin, dass ein einzelner Serumwert nicht repräsentativ für die Östrogenexposition über 24 Stunden sein muss.
Wann würde ich unter HRT überhaupt Blut abnehmen?
Ich unterscheide dabei drei Situationen.
1. Frau hat typische Beschwerden und beginnt eine HRT
Hier messe ich nicht sofort. Die klinische Reaktion ist wesentlich aussagekräftiger als ein früher Laborwert:
- Hitzewallungen
- Nachtschweiß
- Schlaf
- Stimmung
- Gelenk- und Muskelsymptome
- Vaginale Beschwerden
- Libido
- Allgemeines Wohlbefinden
Nach etwa 8-12 Wochen beurteile ich diese Kriterien und passe die Dosis gegebenenfalls an. Die aktuelle IMS-Empfehlung sieht eine routinemäßige Estradiolbestimmung zur Dosisfindung ausdrücklich nicht vor. Das ist meines Erachtens der wichtigste Punkt für die Praxis.
2. Frau hat trotz plausibler HRT weiterhin deutliche Beschwerden
Hier kann ein Serum-Estradiolwert sinnvoll werden – allerdings nicht, um zu sagen „Sie braucht 63 pg/ml“, sondern um eine andere Frage zu beantworten: Kommt das Estradiol überhaupt in ausreichender Menge an? Das ist zum Beispiel relevant bei:
Genau dafür sieht auch die BMS die sinnvollste Anwendung der Serum-Estradiolmessung: als Klärungswerkzeug in unklaren Situationen, nicht als Zielwert-Fahrplan.
3. Man möchte einen Verlauf vergleichen
Hier ist der Zeitpunkt der Messung entscheidend. Wer beispielsweise bei einer Frau unter Estradiol-Gel zweimal misst, sollte möglichst immer unter identischen Bedingungen messen: gleiche Dosis, gleiche Applikationsform, gleiche Applikationsstelle, möglichst gleicher Abstand zwischen Applikation und Blutabnahme, gleiche Labor- bzw. Messmethode. Sonst vergleicht man im Grunde Äpfel mit Birnen – und genau deshalb würde ich einen einzelnen Wert wie „Estradiol 17,5 pg/ml“ bei einer Frau unter transdermalem Estradiol nicht isoliert interpretieren.
Und wann genau messen bei Gel?
Hier zeigt sich ein interessanter Unterschied zwischen der eher pragmatischen Labormedizin und den internationalen Menopause-Leitlinien. Das IMD Potsdam nennt für transdermales Gel einen möglichen Kontrollzeitpunkt von 2–20 Stunden nach Applikation. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Zeitpunkt ein universeller „Optimalzeitpunkt“ für die Dosisbestimmung wäre – die BMS betont gerade, dass die Interpretation eines einzelnen Serumwertes wegen der zeitlichen Schwankungen schwierig bleibt.
Für eine Verlaufskontrolle wird deshalb eher standardisiert als ein vermeintlich perfekter Zeitpunkt gesucht – zum Beispiel: morgens Blutabnahme, und das Estradiol-Gel immer in gleicher Weise und mit definiertem Abstand dazu appliziert. Dann ist der nächste Wert wenigstens mit dem ersten vergleichbar.
Noch wichtiger: Progesteron
Bei Progesteron wird es noch schwieriger, einen Serum- oder Speichelwert zur Dosierung heranzuziehen. Bei oralem mikronisiertem Progesteron entstehen hohe Konzentrationsspitzen und aktive Metaboliten. Außerdem ist die Beziehung zwischen Serumkonzentration, Gewebewirkung und Endometriumprotektion nicht so simpel, dass man sagen könnte: „Progesteron im Serum = X → Gebärmutterschleimhaut ist ausreichend geschützt.“ Deshalb würde ich bei einer Frau mit Gebärmutter die Frage der Progesterondosis nicht nur anhand eines Speichel/Serum-Progesteronwertes entscheiden.
Entscheidend sind stattdessen andere Faktoren:
- Welches Estradiolpräparat und welche Estradioldosis verwendet werden
- Welche Progesteronform – oral, transdermal oder vaginal
- Kontinuierliche oder zyklische Anwendung
- Dauer der Anwendung
- Das Blutungsmuster (sofern noch vorhanden)
- Eine Endometriumbeurteilung (beim Gynäkologen) bei entsprechenden Auffälligkeiten
Die BMS betont ausdrücklich, dass mit steigender Estradioldosis auch die erforderliche Gestagenabdeckung (Progesteron) mitbedacht werden muss! Leider gibt es immer noch Therapeuten, die Estradiol isoliert geben, und die Progesterongabe als nicht erforderlich ansehen. Mit teils fatalen Folgen für die Patientin!
Der Paradigmenwechsel: Nicht normalisieren, sondern individuell anpassen
In der Praxis versuche ich deshalb nicht mehr, einen Hormonwert zu „normalisieren“. Stattdessen folge ich einem Vorgehen, das dem aktuellen internationalen Verständnis entspricht:
- Symptome und Therapieziel gemeinsam definieren
- Niedrigste wirksame Dosis wählen
- Nach 8-12 Wochen klinisch beurteilen
- Bei unklarer Wirkung ggf. Serum-Estradiol als Zusatzinformation heranziehen
- Dosis individuell anpassen
- Nutzen und Risiko regelmäßig überprüfen
Diagnostik und Therapie in meiner Praxis in Lörrach
In einer sorgfältigen Diagnostik kombiniere ich eine ausführliche Anamnese deines Befindens mit gezielter Labordiagnostik dort, wo sie wirklich weiterhilft. Mehr zu meinem Vorgehen bei der Hormontherapie sowie zu den Therapieansätzen in meiner Praxis findest du auf den verlinkten Seiten.
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📅 Termin online buchen – Praxis Gudrun Faller LörrachHäufige Fragen zu Hormonwerten unter HRT
Nein, nicht unbedingt. Speichel-und Blutanalysen sind keine absoluten Grössen zur Definition einer Dosierung, da die Ergebnisse aufgrund von Pharmakokinetik, Tagesschwankungen und individuellen Unterschieden oft unzuverlässig sind. Man kann auch beide Testmethoden nicht miteinander vergleichen.
Der Serumwert hängt von vielen Faktoren ab – Applikationsform, Zeitpunkt der letzten Anwendung, Resorption, Applikationsstelle, individuellem Stoffwechsel und Messmethode. Ein einzelner Wert ist deshalb oft wenig aussagekräftig.
Beim Beginn einer HRT in der Regel nicht sofort – hier zählt zunächst die klinische Reaktion nach 8-12 Wochen. Sinnvoll wird eine Messung vor allem bei unklarer oder ausbleibender Wirkung, um zu prüfen, ob das Hormon überhaupt ausreichend ankommt.
Vor allem als Problemlöser in unklaren Situationen – etwa bei ausbleibender Wirkung, Verdacht auf schlechte Resorption oder zur Sicherheit (z. B. Endometriumschutz, Gerinnungsrisiken) – nicht als routinemäßiger Dosierungsautomat.
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