Wenn Berührung fehlt – Nähe, Wechseljahre und eine berührungsarme Gesellschaft
Von Gudrun Faller, Heilpraktikerin, Praxis für ganzheitliche Medizin Lörrach
Kurzantwort
Berührung ist ein Grundbedürfnis – ihr Fehlen macht nicht nur einsam, sondern kann auf Dauer auch krank machen. In langjährigen Partnerschaften lässt das Bedürfnis nach Berührung bei einem Partner manchmal spürbar nach, ohne dass böser Wille dahintersteckt: Hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren sowie bestimmte Medikamente, etwa Psychopharmaka, können das körperliche Nähebedürfnis dämpfen. Gleichzeitig lebt unsere Gesellschaft insgesamt zunehmend berührungsärmer – ein Thema, das viel zu selten offen angesprochen wird.
📅 Termin buchen – ganzheitliche Begleitung in Lörrach →
Aus der Praxis
Erst kürzlich saß ein Patient bei mir, der mir erzählte, dass er Berührung vermisst. Er und seine Frau berühren sich kaum noch – sie habe schlicht kein Bedürfnis mehr danach, vermutlich auch durch die Wechseljahre und die Psychopharmaka, die sie einnimmt. Das hat mich noch einmal daran erinnert, wie verbreitet dieses stille Thema ist – und wie sehr unsere Gesellschaft insgesamt an Berührung verarmt.
Vielleicht kennst du das Gefühl, Berührung zu vermissen – oder erlebst umgekehrt, dass dein eigenes Bedürfnis danach nachgelassen hat, ohne dass du genau weisst, warum. Beides ist häufiger, als viele denken, und selten ein Zeichen mangelnder Zuneigung. In diesem Beitrag schaue ich mir an, warum Berührung so grundlegend wichtig ist, welche körperlichen Ursachen ein nachlassendes Bedürfnis danach haben können, und was helfen kann.
Berührung als Grundbedürfnis
Berührung ist mehr als ein angenehmes Extra – sie gehört zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen. Studien zeigen, dass ein anhaltender Mangel an Berührung negative Folgen für das emotionale und körperliche Wohlbefinden haben kann. Körperkontakt vermittelt Sicherheit, Zugehörigkeit und Trost – auf einer Ebene, die Worte allein oft nicht erreichen.
Die Abwesenheit von Berührung macht nicht nur einsam, sie kann auf Dauer auch das Nervensystem aus der Balance bringen – ein Zusammenhang, der in unserer zunehmend digitalen, körperfernen Gesellschaft oft übersehen wird.
Berührung auf mehreren Ebenen verstehen
Berührung lässt sich auf verschiedenen Ebenen betrachten, die weit über den reinen Hautkontakt hinausgehen:
🤝 Körperliche Ebene
Direkter Hautkontakt zwischen Menschen – wissenschaftlich gut belegt für sein Bedeutung für soziale Bindung und Wohlbefinden. Auch Körperarbeit wie Feldenkrais oder Massage zeigt nachweislich positive Effekte auf Körper und Psyche.
💙 Seelisch-emotionale Ebene
Berührung transportiert Gefühle – Zuneigung, Trost, aber auch Distanz. Selbst ein warmes Lächeln kann auf dieser Ebene emotional "berühren", ganz ohne Körperkontakt.
🧠 Geistige Ebene
Auch Worte, Gedanken und Ideen können uns im übertragenen Sinn berühren – etwa ein Satz, der lange nachwirkt, oder ein Kunstwerk, das etwas in uns anspricht.
✨ Übergeordnete Ebene
Manche Momente berühren uns auf eine Art, die über das Greifbare hinausgeht – ein Gefühl von Verbundenheit mit etwas Größerem, das gerade in existenziellen Lebensphasen Halt geben kann.
Für mich in der Praxis ist besonders relevant, dass alle diese Ebenen zusammenwirken. Wenn jemand über Jahre wenig körperliche Berührung erfährt, betrifft das selten nur die körperliche Ebene – oft fehlt dann auch die seelische Nähe, die Berührung sonst mit vermittelt.
Warum das Bedürfnis nach Berührung in Partnerschaften manchmal nachlässt
Wenn ein Partner das Interesse an körperlicher Nähe verliert, wird das oft persönlich genommen – als Ablehnung oder Desinteresse. Häufig steckt aber etwas anderes dahinter, das nichts mit der Beziehung selbst zu tun hat:
🌡 Hormonelle Veränderungen
In den Wechseljahren können sinkende Östrogenspiegel Hautsensibilität, Libido und allgemeines Nähebedürfnis dämpfen – ein oft unterschätzter Zusammenhang.
💊 Medikamentennebenwirkungen
Viele Psychopharmaka, insbesondere bestimmte Antidepressiva, sind bekannt dafür, Libido und körperliches Nähebedürfnis als Nebenwirkung zu dämpfen.
🔥 Chronischer Stress
Ein dauerhaft aktiviertes Nervensystem lässt oft wenig Raum für Entspannung und Nähe – siehe auch mein Beitrag zu Allostase.
😴 Erschöpfung
Chronische Müdigkeit reduziert häufig zuerst das Bedürfnis nach körperlicher Nähe, noch bevor andere Symptome spürbar werden.
Wichtig zu wissen
Ein nachlassendes Bedürfnis nach Berührung ist selten böser Wille oder mangelnde Zuneigung – häufig liegen körperliche oder medikamentöse Ursachen zugrunde, die sich ansprechen und mitunter auch behandeln lassen. Ein offenes Gespräch, idealerweise ohne Vorwurf, ist dabei oft der erste, wichtigste Schritt.
Eine berührungsärmere Gesellschaft
Über den Einzelfall hinaus beobachte ich in meiner Praxis in Lörrach einen breiteren Trend: Unsere Gesellschaft lebt insgesamt zunehmend berührungsärmer. Digitale Kommunikation ersetzt zunehmend körperliche Begegnung, Menschen leben häufiger allein, und selbst innerhalb von Beziehungen wird Nähe manchmal durch Bildschirme statt durch Berührung gesucht. Das ist keine Kritik an einzelnen Menschen, sondern eine Beobachtung, die mir wichtig erscheint, offen anzusprechen.
Was helfen kann
💬 Offen ansprechen
Ein ehrliches, vorwurfsfreies Gespräch über veränderte Bedürfnisse schafft oft mehr Nähe als das Schweigen darüber.
🌿 Ursachen abklären
Hormonstatus und Medikamentennebenwirkungen lassen sich diagnostisch einordnen – oft mit überraschend klaren Antworten.
🤝 Nicht-sexuelle Berührung
Nähe muss nicht immer sexuell konnotiert sein – eine Umarmung, gehaltene Hände oder eine Massage können das Bedürfnis nach Berührung ebenfalls stillen.
👠 Heilsame Berührung als Therapie
In meiner Praxis biete ich auch achtsame, therapeutische Berührung als eigenständigen Ansatz an – mehr dazu in meinem Beitrag zum Thema heilsame Berührung.
Eine Beobachtung aus 25 Jahren Praxis
Immer wieder erlebe ich, wie erleichtert Menschen reagieren, wenn ich ihnen erkläre, dass ein nachlassendes Berührungsbedürfnis häufig körperliche oder medikamentöse Ursachen hat – nicht persönliches Desinteresse. Dieses Verständnis allein nimmt oft schon viel Druck aus der Situation.
Weiterführende Beiträge
Häufige Fragen zu Berührungsmangel
Können die Wechseljahre wirklich das Bedürfnis nach Berührung verringern?
Ja, sinkende Östrogenspiegel können Hautsensibilität und Libido beeinflussen und dadurch auch das allgemeine Nähebedürfnis dämpfen – ein Zusammenhang, der oft nicht bekannt ist.
Können Medikamente das Berührungsbedürfnis beeinflussen?
Ja, insbesondere bestimmte Antidepressiva sind für diese Nebenwirkung bekannt. Bei Verdacht lohnt sich ein Gespräch mit der verschreibenden ärztlichen Person, ob Anpassungen möglich sind.
Was, wenn mein Partner oder meine Partnerin Berührung ablehnt?
Ein offenes, vorwurfsfreies Gespräch ist meist der erste Schritt. Häufig steckt keine Ablehnung der Beziehung dahinter, sondern eine körperliche oder emotionale Ursache, die sich gemeinsam einordnen lässt.
Muss Berührung immer sexuell sein?
Nein. Nicht-sexuelle Formen der Nähe – Umarmungen, Handhalten, eine Massage – können das grundlegende Bedürfnis nach Berührung ebenfalls erfüllen und sind ein guter Ausgangspunkt, wenn sexuelle Nähe gerade nicht im Vordergrund steht.
Über die Autorin:
Gudrun Faller führt seit über 25 Jahren eine Praxis für ganzheitliche Medizin in Lörrach. Ihr Schwerpunkt liegt auf hormonellen Regelkreisen, chronischen Entzündungen, Stress- und Immunregulation sowie Mikronährstofftherapie. Mitglied im Fachverband Deutscher Heilpraktiker (FDH).
Praxis für ganzheitliche Medizin · Gudrun Faller · Belchenstrasse 19 · 79539 Lörrach ·
+49 7621 58 91 76 ·
gudrun-faller@posteo.de