Warum Normwerte nicht gleich optimale Werte sind
Von Gudrun Faller, Heilpraktikerin in Lörrach | Diagnostik · Mikronährstofftherapie
Fast täglich kommen Menschen in meine Praxis, die Laborergebnisse vom Arzt mitbringen – und die Aussage: „Alles im Normalbereich, alles okay." Manchmal schaue ich mir diese Werte an und denke: Okay? Nein. Nicht wirklich.
Manche Werte liegen sogar außerhalb der Norm – und wurden trotzdem als unauffällig kommentiert. Andere liegen zwar formal im Referenzbereich, aber am unteren Rand – und dort ist für viele Menschen schlicht zu wenig.
Ich frage meine Patientinnen und Patienten dann immer: „Möchtest du normal sein – oder optimal?" Normal bedeutet: du liegst im Durchschnitt einer Population, die selbst oft nicht gesund ist. Optimal bedeutet: dein Körper hat genug, um wirklich gut zu funktionieren.
Die meisten wollen optimal. Und das ist der Ausgangspunkt meiner Arbeit.
Was ein Normwert wirklich bedeutet – und was nicht
Laborwerte werden in Referenzbereiche eingeteilt, die aus großen Bevölkerungsstudien stammen. Das Prinzip: Man misst einen bestimmten Wert bei vielen tausend Menschen und berechnet daraus den statistischen Bereich, in dem 95 % der Bevölkerung liegen. Dieser Bereich wird dann zum „Normalbereich".
Das Problem dabei ist grundlegend: Dieser Normalbereich beschreibt, was in einer Durchschnittsbevölkerung üblich ist – nicht was gesund oder optimal ist. Und diese Durchschnittsbevölkerung ist in vielen Ländern chronisch unterversorgt mit Vitamin D, Magnesium, Eisen und anderen essentiellen Mikronährstoffen. Der „Normalwert" bildet also auch diesen Mangel ab.
Dazu kommt: 5 % der vollkommen gesunden Menschen liegen bei jedem Test automatisch außerhalb des Referenzbereichs – rein statistisch. Und umgekehrt können Menschen mit ernsthaften funktionellen Störungen jahrelang „normale" Werte haben, weil der Körper kompensiert.
Normwert vs. Optimalwert – konkrete Beispiele aus der Praxis
Der Unterschied zwischen dem, was das Labor als „normal" ausweist, und dem, was funktionell ausreichend ist, kann erheblich sein. Einige Beispiele, die ich in meiner Praxis täglich sehe:
| Parameter | Laborüblicher Normbereich | Funktionell optimal | Was bei Unterversorgung passiert |
|---|---|---|---|
| Ferritin (Frauen) | 13–150 ng/ml | 70-100 ng/ml | Erschöpfung, Haarausfall, Konzentrationsprobleme – bereits bei Werten über 13 |
| Vitamin D (25-OH) | ab 20 ng/ml „ausreichend" | 60–80 ng/ml | Immunschwäche, Stimmungstiefs, Muskelprobleme, erhöhtes Autoimmunrisiko |
| TSH (Schilddrüse) | 0,4–4,0 mU/l | 0,8–1,8 mU/l | Erschöpfung, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit – oft schon bei TSH über 2,5 |
| Vitamin B12 | ab 200 pg/ml | 600–900 pg/ml | Nervenstörungen, kognitive Einbußen, Erschöpfung – oft schon bei „normalem" Wert |
| Magnesium (Serum) | 0,75–1,05 mmol/l | 0,85–1,0 mmol/l | Muskelkrämpfe, Schlafstörungen, innere Unruhe – Serumspiegel zeigt intrazellulären Mangel kaum |
Wann ein Wert „außerhalb der Norm" trotzdem ignoriert wird
Was mich in der täglichen Praxis wirklich beschäftigt: Nicht nur Werte im unteren Normbereich werden übersehen. Manchmal kommen Patientinnen zu mir, deren Werte bereits außerhalb des Referenzbereichs liegen – und denen trotzdem gesagt wurde: „Alles okay, kein Handlungsbedarf."
Das kann verschiedene Gründe haben:
- Der behandelnde Arzt hat den Wert im Kontext anderer Befunde nicht als relevant eingestuft
- Es gibt keine Zeit für eine ausführliche Besprechung aller Einzelwerte
- Der Wert liegt knapp außerhalb – und wird als „noch tolerabel" eingeordnet
- Der Befund wird zwar registriert, aber nicht mit den Beschwerden der Patientin in Verbindung gebracht
Genau hier liegt der Unterschied zu meinem Ansatz: Ich betrachte Laborwerte nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit den Beschwerden, der Anamnese, dem Lebensstil und dem Gesamtbild. Ein Ferritin von 18 ng/ml ist bei einer Frau mit Erschöpfung, Haarausfall und Konzentrationsproblemen kein Randnotiz – es ist ein zentraler Befund.
Was bedeutet das für dich als Patientin?
Wenn du dir sagst: „Mein Arzt hat gesagt, alles ist okay – aber ich fühle mich nicht okay" – dann vertrau diesem Gefühl. Der Körper lügt nicht. Laborwerte bilden immer nur einen Ausschnitt ab, und Referenzbereiche sind kein Gesundheitsversprechen.
Was du tun kannst:
- Lass dir deine Laborwerte aushändigen – du hast ein Recht darauf
- Schau nicht nur, ob ein Wert im grünen Bereich liegt, sondern wo im Bereich er liegt
- Bring deine Werte in den Kontext deiner Beschwerden – ein Wert allein sagt wenig
- Hol dir eine zweite Einschätzung, wenn du das Gefühl hast, dass etwas übersehen wurde
In meiner Praxis nehme ich mir Zeit, Laborwerte wirklich zu lesen – nicht nur abzuhaken. Und ich kombiniere klassische Labordiagnostik mit Mikronährstoffuntersuchungen, Speichelanalysen und – wo sinnvoll – mit Dunkelfeldmikroskopie, um ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen.
Du möchtest deine Laborwerte wirklich verstehen – nicht nur wissen, ob sie „im Bereich" liegen?
Termin online buchenHäufige Fragen
Darf ich meinen Arzt um meine Laborwerte bitten?
Ja, unbedingt. Du hast ein gesetzliches Recht auf Einsicht in deine Befunde und kannst eine Kopie verlangen. Viele Labore stellen Ergebnisse heute auch direkt über Online-Portale zur Verfügung. Lass dir die Werte nicht nur mündlich zusammenfassen – nimm sie mit und lies sie selbst oder lass sie von einer weiteren Fachperson einordnen.
Kann ich selbst entscheiden, welche Werte ich untersuchen lassen möchte?
In meiner Praxis ja. Ich bespreche mit jeder Patientin und jedem Patienten individuell, welche Untersuchungen sinnvoll sind – abhängig von Beschwerden, Vorgeschichte und dem, was bisher gemessen wurde. Ich ordere keine Standardpanels, sondern denke diagnostisch.
Was ist der Unterschied zwischen Referenzbereich und Optimalbereich?
Der Referenzbereich ist statistisch definiert – er umfasst die mittleren 95 % einer Bevölkerungsstichprobe. Der Optimalbereich ist funktionell definiert – er beschreibt den Bereich, in dem der Körper nachweislich am besten arbeitet. Diese beiden Bereiche können sich deutlich unterscheiden, besonders bei Mikronährstoffen wie Vitamin D, Ferritin oder Vitamin B12.
Welche Werte werden in der Schulmedizin am häufigsten unterschätzt?
In meiner Praxiserfahrung: Ferritin bei Frauen, Vitamin D, Vitamin B12 (besonders bei Veganern und älteren Menschen), Magnesium (Serumspiegel ist wenig aussagekräftig), TSH im oberen Normalbereich sowie hochsensitives CRP als Entzündungsmarker. Diese Werte werden oft als „noch normal" eingestuft – obwohl sie für den betroffenen Menschen bereits zu niedrig oder zu hoch sind.
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Möchtest du normal sein – oder optimal? Ich helfe dir, den Unterschied zu finden.
Termin online buchenMehr verstehen, bevor du fragst: Meine Blogserie zur Diagnostik
Was bedeuten meine Laborwerte eigentlich? Warum heißt „normal" nicht „optimal"? Und was kann eine Dunkelfeldmikroskopie wirklich zeigen? In dieser fortlaufenden Serie erkläre ich, worauf es bei der Befundung wirklich ankommt – verständlich, ehrlich und aus über 25 Jahren Praxiserfahrung.
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