„Wenn der Arzt nichts findet, ist nichts da" – warum das einer der gefährlichsten Sätze der Medizin ist
Von Gudrun Faller, Heilpraktikerin in Lörrach | Diagnostik · Labormedizin
Es gibt Momente in meiner Praxis, die mich wirklich berühren. Einer davon wiederholt sich regelmäßig – und er hat immer dieselbe Struktur.
Wir haben gemeinsam erweiterte Laboruntersuchungen gemacht – oft eine Stuhlanalyse, manchmal ein erweitertes Mikronährstoffprofil oder eine Speichelanalyse. Die Ergebnisse liegen vor. Und dann sagt die Patientin – manchmal mit Tränen in den Augen: „Gottseidank. Wir haben endlich etwas gefunden. Ich war schon so verzweifelt. Immer heißt es, es sei nichts. Man stellt mich hin, als würde ich mir das alles nur einbilden."
Das ist kein Einzelfall. Das ist eine von vielen Frauen, die jahrelang mit echten Beschwerden durch Praxen gegangen sind – und immer wieder nach Hause geschickt wurden mit dem Satz: „Alles unauffällig." Dieses Erlebnis, endlich gesehen zu werden, ist für viele fast so wichtig wie die Therapie selbst.
Was „nichts gefunden" wirklich bedeutet
Wenn ein Arzt sagt: „Wir haben nichts gefunden", meint er meistens: „Im Standardlabor der Kassenmedizin, mit den dort vorgesehenen Parametern, zum Zeitpunkt dieser Blutabnahme, haben wir keinen Wert außerhalb des Referenzbereichs gefunden."
Das ist ein enger Ausschnitt. Und er lässt vieles außen vor:
- Funktionelle Störungen, die sich noch nicht in Laborwerten zeigen
- Mikronährstoffmängel, die im Kassenlabor nicht vorgesehen sind
- Darmbefunde, die nur durch eine Stuhlanalyse sichtbar werden
- Hormonelle Dysbalancen, die im Serum nicht sichtbar sind, wohl aber im Speichel
- Chronische Entzündungsmuster unterhalb der klassischen CRP-Schwelle
- Erreger, die nur im Dunkelfeld oder durch spezifische Erregertests nachweisbar sind
Symptome sind Signale – keine Einbildung
Der Körper meldet sich nicht ohne Grund. Erschöpfung, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Haarausfall – das sind keine Erfindungen. Das sind Kommunikationsversuche eines Systems, das aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Wenn Befunde fehlen, bedeutet das nicht, dass das Problem fehlt. Es bedeutet oft nur, dass:
- die Methode nicht zur Frage gepasst hat
- der falsche Zeitpunkt gewählt wurde
- das falsche Körpermaterial untersucht wurde
- der Zusammenhang zwischen verschiedenen Werten nicht gesehen wurde
Diagnostik ist keine Checkliste, die man abhakt. Sie ist ein Denkprozess – und der beginnt damit, der Patientin zuzuhören.
Laborwerte erklären Symptome – aber nur zum Teil
Selbst wenn Laborwerte vorliegen und auffällig sind, erklären sie selten das gesamte Beschwerdbild. Zahlen beschreiben Zustände – sie erklären sie nicht vollständig. Symptome entstehen aus Regulationsprozessen, Wechselwirkungen und chronischen Anpassungsmustern, die kein einzelner Wert abbilden kann.
Ein Ferritin von 22 ng/ml erklärt die Erschöpfung – aber nicht die gleichzeitige Schlafstörung, die Reizbarkeit und die wiederkehrenden Infekte. Dafür braucht es den Blick auf das Gesamtsystem: HPA-Achse, Darm, Immunlage, Mikronährstoffversorgung – alles zusammen ergibt ein Bild. Zahlen sammeln ist nicht dasselbe wie Zusammenhänge erkennen.
Was kann ich tun, wenn mir immer gesagt wird, alles sei normal?
Lass dir die konkreten Werte geben – nicht nur die Aussage „alles okay". Schau, wo die Werte im Referenzbereich liegen. Und hol dir eine zweite Meinung bei jemandem, der bereit ist, auch erweiterte oder funktionelle Diagnostik durchzuführen. Deine Beschwerden sind real – auch wenn ein Standardlabor sie nicht abbildet.
Welche Untersuchungen werden im Kassenlabor oft nicht gemacht?
Stuhlanalysen auf Darmmikrobiom, Pilzbefall oder Darmpermeabilität. Erweitertes Mikronährstoffprofil (Vitamin D, Ferritin, B12, Zink, Selen). Speichelanalysen für Cortisol-Tagesprofil oder freie Hormone. Hochsensitives CRP (hsCRP). Erweitertes Schilddrüsenpanel (fT3, fT4, Antikörper). Diese Untersuchungen können entscheidende Hinweise liefern – und sind in meiner Praxis Teil einer individuellen Diagnostik.
Ist es normal, dass man trotz Beschwerden keine Diagnose bekommt?
Leider ja – und es ist häufiger als viele denken. Besonders Frauen berichten, dass ihre Beschwerden lange nicht ernst genommen oder als psychosomatisch eingeordnet wurden. Das liegt oft nicht an böser Absicht, sondern an den strukturellen Grenzen eines Systems, das auf Ausschlussdiagnostik und Standardlabor ausgerichtet ist. Funktionelle Störungen, Mikronährstoffmängel und Regulationsstörungen fallen dort systematisch durch das Raster.
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Was bedeuten meine Laborwerte eigentlich? Warum heißt „normal" nicht „optimal"? Und was kann eine Dunkelfeldmikroskopie wirklich zeigen? In dieser fortlaufenden Serie erkläre ich, worauf es bei der Befundung wirklich ankommt – verständlich, ehrlich und aus über 25 Jahren Praxiserfahrung.
- TEIL 1 Normwerte ≠ optimale Werte Warum „alles im Bereich" nicht „alles gut" bedeutet
- TEIL 2 „Wenn der Arzt nichts findet, ist nichts da" Warum dieser Satz oft nur die halbe Wahrheit ist
- TEIL 3 Schilddrüse: TSH normal, trotzdem Symptome? fT3, fT4, rT3, Antikörper & Mikronährstoffe richtig einordnen
- TEIL 4 Insulinresistenz & HOMA-Index Warum „Zucker normal" nicht reicht – auch bei Normalgewicht
- TEIL 5 Hormone ab 35: „Alles normal"? Cortisol, Progesteron, Östradiol & Co. richtig verstehen
- TEIL 6 Leberwerte erhöht – ohne Alkohol Fettleber, Insulinresistenz & Darmfäulnis als häufigste Ursachen
- TEIL 7 Elektrolyte & Mineralstoffe Magnesium, Kalium, Natrium, Calcium – Serum vs. intrazellulär
- TEIL 8 Vitamin B12 normal – trotzdem Mangel? Holo-TC, Homocystein, Folsäure & Vitamin D verstehen
- TEIL 9 Immunsystem im Blutbild Was man wirklich sehen kann – und was nicht
- TEIL 10 Darm & Immunsystem Leaky Gut, SIBO und die Darm-Immun-Achse
- EXTRA Speicheltest oder Bluttest? Was welche Methode wirklich misst – eine Klarstellung
- EXTRA Dunkelfeldmikroskopie Was dein Blut zeigt – und was nicht
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